Tanz macht ganz
Dialog zwischen Bewegung und Stille - mit sich selbst,
mit anderen
Eigentlich gehört das Tanzen zum Menschsein wie das Atmen und Gehen, es ist ein natürlicher Selbstausdruck, der einem inneren Impuls folgt - es ist Emotion in Bewegung. Und doch gibt es viele, die von sich sagen: "Ich kann nicht tanzen", oder es heißt von jemand: "Der tanzt nie", so als wäre es etwas Gefährliches oder Unanständiges. Würden wir statt vieler Worte einfach tanzen, wie viele Situationen ließen sich so entspannen!
Zu oft wird Tanz nur als stilisierte Kunstform von Ferne bewundert, die Normalsterblichen verwehrt bleibt, da sie nicht über die Schwerelosigkeit einer Ballerina oder die Geschmeidigkeit einer indischen Tempeltänzerin verfügen. Doch gerade der große Spannungsbogen zwischen formaler Strenge und entrückter Ekstase macht das Faszinierende am Tanz aus. In der Bandbreite zwischen Walzerseligkeit und dem Kampftanz "Krumping" der schwarzen US-Ghetto-Kids finden sich viele individuelle Nischen der Körpersprache. Ein spanisches Sprichwort lautet: "Was du getanzt hast, kann dir niemand nehmen." Im Tanz begegnen wir uns und den anderen unmittelbar. Nicht jede Geste hat immer eine Bedeutung, doch sie transportiert die Energie des Tänzers und drückt dessen Wahrheit aus. Tanz macht uns wesentlich. Selbstvergessenes oder ekstatisches Tanzen bringt uns unserem eigenen Kern ganz nah.
Tom Kenyon, der bekannte Schöpfer und Sänger spiritueller Musik, sagt über die Arbeit mit dem inneren Klang: "Freude kann sich frei in uns ausdrücken und Heilung geschieht von selbst." Dasselbe gilt auch für den Tanz, der diesen Klang ebenso wie die Stimme nach außen trägt. Im Austanzen der inneren Stürme lässt sich mühelos alles, was noch an Schwere in uns ist, abschütteln, und wir schlüpfen ganz von allein in ein lichtes Gewand. Tanz ist in sich selbst Wandlung - indem ich die äußere Bewegung verändere, ändere ich die innere Haltung.
Geistige Hygiene und Seelengymnastik
In allen Kulturen verbinden Rituale einen Inhalt mit einer feierlichen Handlung, ausgedrückt durch Bewegung, Musik und Stimme, und getragen von einer speziellen geistigen Haltung. Tanz erzeugt dabei eine konzentrierte Energie, um etwa durch Trance einen höheren Bewusstseinszustand zu erreichen. Die Essenz ist sakral - es ist ein Körpergebet an uns selbst. Das Amen des Atems.
So trägt jede tänzerische Ausdrucksform eine heilige Handlung in den Alltag und heilt ihn. Auch wenn wir einfach nur so für uns selbst tanzen, entfaltet die Hingabe an den eigenen Körper eine tiefe therapeutische Kraft. Indem ich tanze, übernehme ich Verantwortung für meine Gesundheit. Ich tanze, also bin ich.
In den 80er Jahren gab es die Band 'Will Powers', die ein Album "Dancing for Mental Health" nannte. Als ich nach langjähriger reiner Kopfkarriere in eine persönliche und kreative Sackgasse geriet und beschloss, mein Tanzpotential anzuzapfen, musste ich an diesen Titel denken. Für mich war Tanzen immer eine Art Seelengymnastik, um mich innerlich zu befreien und voll zu spüren. Manchmal geht es darum, in mehr Leichtigkeit zu gelangen, ein anderes Mal, das innere Feuer zu entfachen. Wenn wir der natürlichen Dynamik unseres Körpers folgen, führt sie uns wieder auf den Pfad zu uns selbst.
Freier Ausdruck und innerer Einklang
"Tanz richtet sich immer an die gesunde Seite der menschlichen Natur", erkannte Trudi Schoop, die Schweizer Pionierin der Tanztherapie. Wir gelangen wieder in den Urzustand der Freude an der Bewegung, der immer in uns schlummert und erweckt werden möchte. Es gibt eine Sehnsucht in uns nach Tanz-Abenteuern, nach freiem kreativen Ausdruck über bekannte, automatische Bewegungsmuster hinaus. Auf dieser experimentellen Reise durch unterschiedliche Energien wie weiblich/männlich, Chaos/Frieden, bewusste Emotion/Ekstase, kommt die Weisheit des Körpers von allein in Fluss. Im "sich tanzen lassen" die Bewegung finden, die wirklich dem Inneren entspricht, um die Begegnung mit dem eigenen tiefen Sein zu ermöglichen.
Im Tanz verbindet der Mensch automatisch die rechte und die linke Gehirnhälfte. Er geht vom Kopf übers Herz in den Bauch und verbindet sich mit der Erde - Einklang entsteht. Wenn ich mich dem Tanz hingebe und dabei mein bewusstes "Selbst" vergesse, tauche ich in eine spirituelle Dimension meiner selbst. Es öffnet sich ein Raum, in dem ich wieder Kind sein darf, in dem es möglich wird, Ganzsein zu erleben. Angefüllte Stille.
Begegnung mit sich selbst und anderen
Über den Tanz lässt sich auch wieder Vertrauen in den eigenen Körper aufbauen, wenn Beschwerden dessen Stabilität und Stärke beeinträchtigt haben. Indem ich loslasse und der Körper alleine die Bewegungen findet, die er jetzt braucht, akzeptiere ich ihn so, wie er ist. Der Tanz dient mir als Kompass zu Themen, die erinnert werden wollen. Dabei hilft auch der Dialog mit der Musik. Gerade solche Musikstücke, die einen nicht von selbst tragen, laden dazu ein, etwas Neues auszuprobieren, und das macht frei. Das Entdecken eines neuen Bewegungsvokabulars schafft Selbstvertrauen. Das bedeutet Beweglichkeit. Kraft und Intention werden spielerisch ins Gleichgewicht gebracht.
Und schließlich gibt Tanz uns die Möglichkeit zu echter, weil sinnlich erlebter Begegnung mit anderen, und sei sie auch noch so flüchtig - der Ausdruck von Ewigkeit in einem Augenblick. Ein Mann und eine Frau treffen sich beim Tanz in einem Hotel für Singles. Er sagt: "Ich bin nur diesen Abend hier." Sie sagt: "Ich tanze, so schnell ich kann."
Sabina Moser